
Kapitel 1 · Loslassen
Zwei Mönche
Zen, Japan – neu erzählt
Nach Tagen voll Regen war der Fluss, den die beiden Mönche überqueren mussten, zu einem reißenden braunen Band angeschwollen. Am Ufer stand eine junge Frau in feiner Seide. Sie wollte hinüber, doch sie fürchtete die Strömung und sorgte sich um ihre Kleider.
Ohne ein Wort trat der ältere Mönch heran, hob sie auf seine Arme und trug sie durch das Wasser. Am anderen Ufer setzte er sie behutsam ab. Die Frau dankte, verneigte sich und ging. Die beiden Mönche wanderten weiter – schweigend, Stunde um Stunde.
Am Abend, die Sonne stand schon tief, hielt es der jüngere nicht mehr aus. „Wie konntest du das tun?“, brach es aus ihm heraus. „Uns ist verboten, eine Frau auch nur zu berühren – und du hast sie getragen!“
Der ältere Mönch lächelte. „Ich habe die Frau am Ufer abgesetzt“, sagte er. „Du trägst sie noch immer.“
– Manches Gewicht ist längst abgelegt. Nur in Gedanken tragen wir es weiter.




